Das gesellschaftliche Leben war in Wallendorf bis 1944 weitgehend durch die überlieferten Sitten und Bräuche vorbestimmt. Es muss jedoch angemerkt werden, dass hierbei in Siebenbürgen eine gewisse Abflachung eigesetzt hatte, uzw. bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts, was sich im Verlauf der folgenden Jahrzehnte weiterhin fortgesetzt hat. An Wallendorf ist diese Entwicklung auch nicht spurlos vorbeigegangen.
Der Bundesvorstand und die Kreisgruppe Nürnberg-Fürth-Erlangen der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Bereich heimatkundliche Öffentlichkeitsarbeit, hat eine 12-teilige Schriftenreihe unter dem Titel "Geschichte der Siebenbürger Sachsen und ihrer wirtschaftlich-kulturellen Leistungen" herausgegeben.
Im Heft 9 - "Volks- und Gemeinschaftsleben der Siebenbürger Sachsen" - befasst sich der Historiker Dr. M i c h a e l K r o n e r mit einzelnen Teilbereichen des gesellschaftlichen Lebens in Siebenbürgen.
Die beschriebenen gesellschaftlichen Ereignisse wie Geburt und Taufe, Konfirmation, Verlobung und Hochzeit bis hin zu Tod und Begräbnis spielten sich in Wallendorf in gleicher Weise oder sehr ähnlich ab.
Die 12 Hefte können einzeln oder in ihrer Gesamtheit bestellt werden, uzw. bei
Dr. Michael Kroner, Ottostraße 31, 90522 Oberasbach. Preis pro Heft: 4 EUR zuzüglich Porto und Verpackung.
Unter derselben Adresse kann auch die Broschüre "Rumänien und seine Deutschen 1948 bis 1995" von Michael Kroner und Horst Göbbel, Preis 4 EUR, bestellt werden.
Infos unter e-mail: michael.kroner@gmx.de
Angaben ohne Gewähr - Stand 01.08.2003.
Tracht:
Die Kleidung der Sachsen in Wallendorf war eine farbenfrohe und kostbare Sonntagstracht und eine, im Vergleich dazu, eher einfach in schwarz und weiss gehaltene Alltagstracht. Mit der Entwicklung der Sitten und Gebräuche ging auch die Entwicklung der Tracht und der Kleidung im Allgemeinen einher, eine Entwicklung die von Einflüssen verschiedenster Art nicht verschont geblieben ist ( aktuelle Mode, Reichtum, gesellschaftlicher Rang). Die Tracht, wie wir sie heute bei Anlässen wie Heimattreffen noch sehen können, ist vermutlich um 1700 und später entstanden.
Michael Kroner liefert im bereits oben genannten Heft, im Kapitel "Die Festtracht der Männer und Frauen" eine detaillierte Beschreibung der regionalen Eigenheiten in Bezug auf die Tracht der Siebenbürger Sachsen, die es ja so einheitlich nicht gibt. Eine Gegenüberstellung etwa der Frauentracht im Norden Siebenbürgens und jener des Südens offenbart erhebliche Unterschiede. Bei der von Männern getragenen Tracht sind schon eher regionenübergreifende Gemeinsamkeiten zu erkennen.
M. Kroner schreibt:
"Die charakteristischen Merkmale der Männertracht waren bzw. sind es zum Teil noch:
- Stiefelhosen ("Pritschhosen"): im Winter aus schwarzem oder blauem Wollstoff, im Sommer - so in Nordsiebenbürgen, im Unterwald und anderen Gemeinden - aus weissem Wollstoff oder aus Leinengewebe.
- hochröhrige Schaftstiefel die bis zum Knie reichen,
- weisses Hemd, mit weiten gestickten Ärmeln und niedrigem Kragen, das heraushängend über der Hose getragen wurde,
- besticktes Halstuch aus schwarzem Samt, oder aus Seide und Tuch,
- breiter Gürtel, der mit Riemerarbeit (Zirm) sowie gestanzten und gepressten Mustern reich verziert ist und das über der Hose getragene Hemd zusammenhielt,
- Kirchenmantel aus Pelz oder blauem, schwarzem und weissem Wollstoff,
- Kopfbedeckung: Im Sommer Filzhut (nach Gebieten unterschiedlich mit breiter oder schmaler Krempe), im Winter Lammfellmütze, gelegentlich auch Marder- oder Iltisfellmütze.
Die Tracht der Frauen war vielgestaltiger und bunter als die der Männer. Ausserdem gab es grössere Unterschiede zwischen der Tracht der jungen Mädchen, der "Mägde", sowie der jüngeren und älteren Frauen.
Die Frauentracht bestand aus Kopfputz, Hemd Leibchen, Brustpelz oder "Gup", Röcke (wallendorferisch "Pändel" oder "Kirl"), Schürze, Mantel, Schmuck, Schuhwerk und Strümpfe, wobei es zwischen einer Sommer- und eine Wintertracht zu unterscheiden gilt.
Das Haar war meist in der Mitte gescheitelt und in einen Zopf oder auch zwei Zöpfen geflochten. In Nordsiebenbürgen, so auch in Wallendorf, banden die Mädchen die Zöpfe meist am Hinterkopf in gewundener Form fest. Die verheirateten Frauen wanden ihre Zöpfe um den Kopf herum oder steckten sie am Hinterkopf auf.
Die jungen Mädchen trugen bis zur Konfirmation als Kopfbedeckung ein Tuch oder ein Häubchen, vor allem ein Rüschenhäubchen. Bei der Konfirmation erhielt das Mädchen die Kirchentracht und trug als Kopfputz bis zur Heirat den Borten, einen charakteristischen sächsischen Kopfschmuck der Mägde. Er bestand aus einer (je nach Region) 8-20 cm hohen, oben und unten offenen Röhre aus Pappe die mit Samt überzogen war. In Wallendorf wies der obere Bortenrand bisweilen noch einen Schmuck aus z.B. Perlen auf. An dem hinteren Teil des Bortens waren buntbestickte Bänder befestigt, die am Rücken bis zum Rockrand herabfielen.
Zum Kopfschmuck gehörten bei den Mädchen auch buntbestickte Haarbänder, die entweder am Rücken oder über die Schulter gezogen herabhingen.
Der Borten wurde am Tage der Hochzeit abgelegt und die Braut wurde im Anschluss daran "gebockelt" oder "geschlejert". Der zweite Begriff hat sicherlich zu tun mit dem Anlegen eines Schleiers als Kopfbedeckung. Der Schleier wurde an einer Haube, an Bändern oder an einem bügelförmigen mit Stoff umwundenen Drahtgestell mit Bockelnadeln aus Gold, Silber oder aus Messing, mit bunten Steinen oder Perlen besetzt, festgemacht.
Die Frauen etwas fortgeschritteneren Alters trugen als Kopfbedeckung ein dunkles, in der Regel schwarzes Kopftuch. Die Frauen mittleren Alters trugen als festliche Kopfbedeckung eine Samthaube, die buntbestickt und mit Perlenreihen besetzt war.
Das Hemd war aus weissem Leinen geschneidert und an den äusseren Ärmelenden bestickt. Darüber trug die Frau zur kalten Jahreszeit einen Brustpelz, oder eine Stoffjacke, über den Unterröcken einen Rock aus dunkelblauem Tuch oder Samt. Am unteren Rand sind bunte Bänder angebracht, die in der Regel mit Blumenmustern mit Seidengarn gestickt wurden. Das dzugehörige Leibchen war gleichermassen reich bestickt und glich sich, farblich gesehen, der Farbe des Rockes an. Es war ebenfalls an den Rändern mit feingearbeiteten Rüschen versehen.
Wie bereits erwähnt, war die im Sommer getragene Tracht etwas einfacher gehalten, jedoch nicht minder mit Stickereien, wenn auch nur in schwarz-weiss, verziert.
Die Wallendorfer Mädchen trugen im Winter gelegentlich einen langen oder halblangen, ebenfalls mit Stickereien und Lederbesatz versehenen Pelzmantel, wie dies auf unserem Bild zu sehen ist.
Das Schuhwerk bestand aus hohen Schnürschuhen, bzw. für den Winter aus Stiefeln mit kurzem oder langem Schaft."
In der Bildergalerie sind einige historische Momentaufnahmen zu sehen, die einen schönen Eindruck von der Gestaltung der Wallendorfer Tracht vermitteln, dies aber leider nur als schwarz-weiss-Fotos. Die Zeit für Farbe im Bild kam bekanntlich erst etliche Jahrzehnte später.
Mundart:
Die Mundart der Wallendorfer ist, wie jene aller Siebenbürger Sachsen, in verschiedenen Ausprägungen moselfränkisch durchdrungen. Innerhalb der grossen Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen gab und gibt es, was die Mundart anbelangt, erhebliche Unterschiede. So konnte es durchaus vorkommen, dass zwei benachbarte Orte jeweils bis zur Unverständlichkeit des Nachbarortes gestaltete Mundarten entwickelt haben.
Wenn man unter sich war, sprach man Wallendorfer Mundart. Im Umgang mit Sachsen anderer Orte bediente man sich des Umgangsnösnerischen, mit den Nachbarn aus Bistritz sprach man "stedderisch" ("städtisch"). Es liegt nahe, dass auch das zu bestimmten Anlässen gesprochene Hochdeutsch, mundartlich gefärbt war.
Mit der rumänischen Bevölkerung unterhielt man sich in rumänischer, genauer gesagt in nordsiebenbürgisch-rumänischem Dialekt, was einen Unterschied zum Schriftrumänisch bedeutete.
Das Zusammenleben mit verschiedenen Volksgruppen führte dazu, dass eingesessene Rumänen, Zigeuner, Ungarn der sächsischen Mundart mächtig waren. Mit den jüdischen Mitbewohnern unterhielt man sich in Hochdeutsch.
Die nach Wallendorf gezogenen Zipser sprachen eine baierische, sogenannte "gründlerische" Mundart, die von der sächsischen Bevölkerung nicht verstanden wurde, was bedeutete, dass die Zipser ihre Mundart lediglich im Verkehr untereinander benutzten. Im Verhältnis zu den restlichen Bevölkerungsgruppen sprach man Hochdeutsch.
Im Laufe der Jahre lernten die jüngeren Zipser allerdings auch die Wallendorf-sächsische Mundart.
Gemeinschaft:
Wallendorf wies, nach den Ausführungen von Dr. Ernst Wagner gesellschaftlich-kulturell gesehen, eine feste Struktur auf.
Seit dem Mittelalter gehörten die konfirmierten Jugendlichen bis zu ihrer Heirat der evangelischen Bruderschaft bzw. Schwesternschaft an, eine Vereinigung, die weitgehend auch das ausserkirchliche Leben gestaltete.
Die "Knechtväter" und die "Maidenmütter", die vom Presbyterium bestimmt wurden, übten die Aufsicht über die jährliche Wahl der "Altknechte" bzw. "Altmägde" (sächsisch "Meed"-Maid) aus.
Bei festlichen Anlässen und beim "Zugang" (Versammlungen) wurden Reden gehalten, die nach einem über die Generationen hinweg überlieferten Text gesprochen wurden.
Jeder Bruder und jede Schwester musste sich ein- und ausgrüssen bei Ein- bzw. Austritt aus der Bruder- bzw. Schwesternschaft.
Die Bruderschaft organisierte Tanzveranstaltungen, zu denen die Schwesternschaft eingeladen wurde, wobei deren Verlauf von Regeln bestimmt wurde. Die nichtkonfirmierten Jugendlichen durften bis zum Abendbrot in einem abgesonderten Teil des Gemeindesaales mittanzen.
Jüngere Ehepaare waren dann erst nach dem Abendbrot dran.
Am zweiten Feiertag der grossen Kirchenfeste begann die Veranstaltung gegen 16 Uhr mit dem "Irtentanz" (Ehrentanz), dabei wurde Kirchentracht angelegt. Am Nachmittag des dritten Feiertages wurde die Kirchentracht abgelegt und die Mädchen zogen die "weisse" Tracht an, die Burschen legten den "Kootzen" (Kirchenmantel) ab.
Ausser Bruder- bzw. Schwesternschaft bestimmten auch noch andere Vereinigungen das gesellige und gesellschaftliche Leben in Wallendorf:
- die "Turner" (die Blaskapelle, siehe auch Bildergalerie)
- die freiwillige Feuerwehr,
- der 1907 gegründete neue evangelische Ortsfrauenverein,
- der neue landwirtschaftliche Ortsverein (weniger),
- die Raiffeisengenossenschaft.
Im weniger arbeitsintensiven Winterhalbjahr veranstalteten die Vereinigungen regelmässig Theater- und Tanzabende und widmeten sich auch verstärkt der Brauchtumspflege. Diverse Bräuche bereicherten das gesellige Leben Wallendorfs, als da wären:
- die Bräuche zur "Fuesnicht" (Fastnacht), als die Mädchen am Donnerstag vor Aschermittwoch in der Vornacht, aus Höfen, wo konfirmierte Burschen wohnten, Wägen und landwirtschaftliche Gerätschaften zum Gelächter der gesamten Dorfbevölkerung auf die Strasse schleppten. Der Nachmittag dieses Tages gehörte den Masken und dem Possentreiben.
Am Aschermittwoch fand ein mit Wagen gestalteter Faschingszug statt. Mit Tanz fand die närrische Zeit ihren Abschluss.
- Bräuche, wie Schmücken der "Lichterchen", "Bespritzen" (zu Ostern), "Fannkoch" (Pfannkuchenbacken), Setzen des Maibaumes, wurden auch gerne gepflegt.
Auf dem Foto rechts ist der Lichtertbaum zu sehen , der für die Weihnachsmette alljährlich neu gestaltet wurde.
Verwaltung:
Der Bürgermeister eines Dorfes hiess im Nösnerland "Gref". Graeve war die alte Bezeichnung der Ortsrichter der Siebenbürger Sachsen. Später hiess er dann "Hann".
Dem Grefen zur Seite standen die Geschworenen (also Gemeinderat). Sie bildeten das "Ortsamt" das ursprünglich auch richterliche Befugnisse besass. Die einzelnen Geschworenen wurden jährlich am "Geschworenen-Montag" (Montag nach dem Dreikönigsfest) von den "Hauswirten" gewählt.
Letzter Gref war in Wallendorf M i c h a e l E i s n e r HNr.88.
Das Amt des Grefen wurde dann durch jenes eines "N o t ä r s" ersetzt. Der Notär war als Staatsbeamter für die Gemeindeverwaltung verantwortlich und besass die Berechtigung, einfache Notariatsgeschäfte zu erledigen, sowie die staatlichen Standesregister zu führen.
Zum Wallendorfer Notärbezirk gehörte auch noch die Nachbargemeinde Pintak. Der Sohn eines Wallendorfer Schulrektors, F r i t z A r z, war 1944 Gemeindenotär.
Schule:
1878 wurde das Schulgebäude ab dem Kellergeschoss aus Platzmangel anstelle eines kleineren Gebäudes errichtet. Die Einrichtung beherbergte 2 Klassenräume, 2 Lehrerwohnungen und ein Probezimmer für die "Turner", also die Blaskapelle.
Die Schule muss im engsten Zusammenhang zur Kirche betrachtet werden.
Es handelte sich um eine evangelische Volksschule mit deutscher Unterrichtssprache und wurde von der evangelischen Kirchengemeinde unterhalten.
Bis 1928 gab es nur diese evangelische Konfessionsschule. Bei Errichtung der staatlichen Volksschule wurde den evangelischen Zigeunern und den jüdischen Einwohnern der Zugang ihrer Kinder zur deutschen Schule verweigert, weil die Mindestschülerzahl für die Gründung einer rumänischen Schule sonst nicht hätte erreicht werden können.
Der Schulrektor hiess mundartlich "Schumester" (Schulmeister), der zweite Lehrer wurde "Kanter" (Kantor) genannt, was daran erinnert, dass der Lehrer ehedem auch Kirchendienste verrichten musste. Den Dienst des Kantors übernahm später der Organist.
1944 bekleideten J o h a n n G e l l n e r und 1949 J o h a n n S e i d e l (Michalchi) dieses Amt.
Dem Schulrektor oblag es bis 1944, am zweiten Feiertag der grossen Kirchenfeste, die Predigt zu halten.
Der letzte Schulrektor war G e o r g P e n t e k e r.1929-1934 versah A n n a E i s e n b u r g e r den Lehrerdienst. 1944 wurde dann E r i k a K n a l l Lehrerin in Wallendorf.
Der jeweilige Ortspfarrer hatte auch die Funktion des Ortsschulinspektors.
Nach 1944 wurde die evangelische Volksschule nicht mehr eröffnet, und 1948 wurde die Kirchenschule verstaatlicht.
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last update 20.02.2004